PRESSE

Berliner Zeitung

Liegt die Zukunft des deutschen Kinos im Dokumentarfilm?


Vielleicht sind in der „Perspektive“ sogar zwei Sternstunden des neuesten Dokumentarfilms zu besichtigen. Die eine heißt „Jesus liebt Dich“ und zeigt junge fundamentalistische Christen, die aus den USA, Afrika und Europa zur Fußballweltmeisterschaft 2006 angereist waren, um hier neue Schäfchen für Gott zu rekrutieren. Vier Regisseurinnen und Regisseure haben ihren Weg begleitet und ihr scheitern zur handfesten Realsatire verdichtet. Eine der stärksten Szenen spielt auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main, wo der rastlose Evangelikale Gershorm aus Sambia in Ermangelung anderer Gesprächspartner mit der Stimme aus der Notrufsäule kommuniziert. Die Stärke des Films ist, dass er seine Helden nicht von vornherein als religiöse Fanatiker denunziert, sondern sie als nett, wenn auch ein bisschen speziell vorstellt. Der Humor von „Jesus liebt Dich“ resultiert aus dem Zusammenprall ihrer strengen Glaubenslehren mit einer auf Sport, Spiel und Spannung ausgerichteten Gemeinschaft: Der Trunkenbold am Schluss des Films, der einen der Missionare am Kiosk in die Mangel nimmt und ihn von seiner eigenen, alkoholgeschwängerten Lehre zu überzeugen sucht, ist dann jene sprichwörtliche Farce, die jeder Tragödie folgt.

Von Ralf Schenk