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Lateinamerika: Evangelische Christen bewegen die Massen – Ein Report über Venezuela

Venezuela, Dezember 2004

Obwohl Lateinamerika auf eine lange einseitige römisch-katholische Geschichte zurückblickt, ist gerade eine gewaltige Veränderung zu erkennen. Da in etwa 15 % der Lateinamerikaner zum evangelischen Glauben konvertieren, ist er die am schnellsten wachsende Religion in dieser Region. Vor einigen Jahren beklagte die lateinamerikanisch katholische Bischofkonverenz, dass täglich 8000 Lateinamerikaner zum evangelischen Glauben konvertieren. Wo hingegen Länder wie Brasilien und Guatemala einst die Länder mit der höchsten Anzahl an Katholiken war, sind jetzt bereits 20% bis 30% Evangelisten; die Anzahl Venezuelas Christen wächst konstant. Sie zählen derzeit 10% der Bevölkerung. Ihr Einfluß ist unter dem linksgerichteten Präsident Hugo Chavez, dessen Regierung mit der katholischen Kirche nicht einer Meinung ist, gewachsen. Darüber hinaus unterstellte die Kirche der Regierung Chaves elitäres Denken. Er nutzt klar die Anziehungskraft der Armen für populäre Religionen wie den Evangelikalismus aus. Einige bezeichnen die Pfingstgemeinde als die „Religion der Armen“. Sie ist eine Abweichung des Christentums die sich auf das Wirken des Heiligen Geistes stützt. Wegen seiner Strenge, nahezu fundamentalistisch angehaucht, zieht die Pfingstgemeinde auch einen dementsprechenden Ruf mit sich. Sie rühmt sich, sowohl materielle als auch spirituelle Bedürfnisse stillen zu können und nutzt so die Hoffnung der Menschen aus. In Asien funktioniert der Islam auf eine ähnliche Weise. Ein großer Teil der armen Bevölkerung von Venezuela, die sich im Katholizismus unerfüllt fühlt, wendet sich dem Evangelikalismus zu. Sie hoffen, dort ein besseres Leben zu finden. Solange in Südamerika Arbeit und Ausbildung instabil sind, wird diese religiöse Veränderung mit Sicherheit weitergehen. Das Wachstum der Pfingstgemeinde in Venezuela, sowie im Rest im Lateinamerikas wirft ein paar Fragen auf: Ist diese Veränderung eine Hilfe, oder wird es der Region Schaden zufügen? Wird sie das Land vor den sozialen Missständen retten, wenn sie – wie es heißt - Toleranz, Entwicklung und Gerechtigkeit fördern? Oder wird es eine weitere Enttäuschung werden?

Der religiöse Markt

Die meisten Evangelikalen konvertieren von der katholischen Kirche. Viele meinen sie finden ihre spirituellen und materiellen Bedürfnisse in der Pfingstgemeinde so vereint, wie sie es in der katholischen Kirche nie gefunden hätten. In dem Moment, wo es einem frei steht aus verschiedenen Produkten zu wählen, spricht man von einem freien Markt. So gesehen ist die Religion auf dem besten Weg dahin. Der "evangelikale Markt" spricht die Menschen direkt an – gerade auch die, die in Wellblechhütten leben. Wenn man beobachtet, wie aus einem örtlichen Drogendealer plötzlich ein Bibelgelehrter wird, werden andere neugierig. So gesehen ein nachvollziehbarer Gedankengang. Was macht der Katholizismus falsch und warum fliehen so viele in die Pfingstgemeinde? "Menschen wollen viel mehr eine Beziehung zu Gott, als rein die Religion; wichtig ist ein lebendiger Gott, keiner der an der Wand hängt", wie der Pastor Joaquin Pirela erklärt. Er glaubt, der Grund warum die Evangelikalen beliebter sind als die Katholiken, hängt damit zusammen, dass sie die Massen nicht begeistern können. Viele Katholiken sind zwar religiös, sind es aber mehr aus Gewohnheit, als aus Begeisterung. Die Pfingstgemeinde lockt die Massen mit einer "aktivierten Gemeinschaft" in die Kirche, den man im katholischen Messzyklus nicht finden kann. Um sich in einer Gemeinschaft wohlzufühlen, muss sich der Mensch als ein Beteiligter sehen und Anteil haben können. Hier steht die katholische Kirche mit Sicherheit etwas hinten nach. "Viele die in die Kirche gehen suchen eine Lösung ihrer Probleme mitten in einer Krise", sagt Pireli "Wenn alles schwierig erscheint, lässt man sich eben eine Hintertür offen."

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José Orozco

http://religion.info/english/articles/article_121.shtml